"Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist:"

Neue Stolpersteine in Dessau und Roßlau der Öffentlichkeit präsentiert

Zur feierlichen Präsentation neuer Stolpersteine hatten sich zahlreiche Bürgerinnen und Bürger der Doppelstadt versammelt. Damit wird nun in Dessau-Roßlau an insgesamt 47 Orten den Verfolgten und Ermordeten des NS-Terrors gedacht.Der Auftakt zu der Veranstaltungsfolge, bei der insgesamt elf neue Stolpersteine eingeweiht wurden, fand vor dem Haus in der Mühlenstraße 47 im Ortsteil Roßlau statt, um an Anna und Hertha Bruck zu erinnern. Die Schwestern wurden beide im Jahr 1942 in Auschwitz ermordet. In dem Haus hatte bis zu den Pogromen vom 9. November 1938 die jüdische Familie Bruck gelebt, die bis dato über drei Generationen hinweg die Öl-, Mehl- und Holzschneidemühle im Ort bewirtschaftet hatte. Die beiden jungen Frauen waren aus Deutschland nach Frankreich geflohen und haben als Mitglieder der Résistance gegen die deutschen Besatzer gekämpft. Zwei neue Stolpersteine erinnern nun vor dem Haus, aus dem sie damals fliehen mussten, an ihr Leben (eine ausführlichere Biographie findet sich auf der Seite Gedenkkultur Dessau-Roßlau).

Schülerinnen und Schüler gestalten den festlichen Rahmen 

„Wer an einem solchen Stein vorüber geht, muss sich bücken um den Namen zu lesen und verneigt sich so  vor demjenigen, dem der Stein gewidmet ist", erklärte Günter Donath von der Werkstatt Gedenkkultur das Konzept des dezentralen Mahnmals. In diesem Sinne sei die Aktion eine Ehrung der Verstorbenen, die das begangene Unrecht im öffentlichen Raum thematisiere. Zusätzlich wollte nicht nur Günter Donath die Stolpersteine als einen gemeinsamen Akt des Eintretens für Demokratie und Toleranz verstanden wissen. Insbesondere die aktive Beteiligung der Bürgerschaft gehört zu den Voraussetzungen, die der Kölner Künstler Gunther Demnig, der dieses Erinnerungskonzept geschaffen hat, einfordert. Schließlich stimmt er einer Verlegung nur zu, wenn diese aus Spenden finanziert wird. 
 
Rabbiner Benjamin David Soussan bei seiner Rede.

Zur Erstverlegung im Oktober 2011 in der Roßlauer Mühlenstraße sind engagierte Bürger_innen, Vertreter_innen der demokratischer Parteien, Angehörige der Verwaltung und Gemeindemitglieder aus Kirchen und religiösen Gemeinschaften gekommen. Für den festlichen Rahmen sorgten Kinder und Jugendliche mit Musik und rezitierten Texten. Benjamin David Soussan, ehemaliger Landesrabbiner für das Land Sachsen-Anhalt und heute Oberrabbiner in Baden, dankte in seiner Ansprache allen Beteiligten für ihre ganz persönlichen Beitrag zur Erinnerung an diese Opfer des Holocausts an den europäischen Jüdinnen und Juden. Denn gerade die Erinnerung an die konkreten Opfer, direkt in nden Straßen in denen sie gelebt und gearbeitet haben, mache das Geschehene für die folgenden Generationen sichtbar. „Wer nur ein Leben rettet, rettet die ganze Welt“,  macht der Oberrabinner schließlich eindringlich auf das unbegreifliche Ausmaß der Verbrechen der Deutschen und ihrer Helfer aufmerksam. Die Dimension des Zivilisitationsbruchs, sei nicht zu begreifen: „Es ist sechsmillionen mal ein Mensch getötet worden.“

Stadtratsvorsitzender Stefan Exner wies in seiner Ansprache ebenfalls auf die Bedeutung hin, die eine gemeinsame Erinnerung an die Vergangenheit nicht zuletzt als Mahnung habe. Erinnerung, so der Kommunalpolitiker, müsse aus der Mitte der Gesellschaft getragen werden, damit sie lebendig bleibe: „Möge jeder Stolperstein Anstoß zum Guten sein“.

Stefan Exner hält eine Ansprache im Namen des Stadtrates von Dessau-Roßlau. 

Nach der ersten Gedenkfeier im größeren Rahmen, wurden indes  an fünf weiteren Orten Stolpersteine in das Straßenplaster dieser Stadt eingelassen. Für das Ehepaar Ida und Julius Schlesinger vor ihrer ehemaligen Wohnung in der  Bitterfelder Straße (damals Am Bahnhof 1), für Lea Jacobsen vor dem Haus in der Beethovenstraße 9, für Salomon Jacobsen in der Askanischen Straße/Ecke Kantorstraße,  für Elka Goudsmids, Ruth Goudsmids, Bettina Katz und Josef Katz in der Franzstraße 113 und für Paul König in der Ackerstraße 46. (Einen Lebenslauf und weitere Informationen finden sie auf der Internetseite Gedenkkultur Dessau-Roßlau)

Schülerinnen lesen Texte zur Erinnerung in der Franzstraße
 
An jedem dieser Orte wurde mit einer kurzen Zeremonie an die Verfolgten und Ermordeten erinnert. Bei der für den Stein beispielsweise, der  Salomon Jacobsen gewidmet ist, verlasen Schülerinnen und Schüler des Liborius Gymnasiums Gedichte und Texte und würdigten so den ehemaligen Sekretär der jüdischen Gemeinde in Dessau, der im November 1938 von den Nazis verschleppt wurde. 
  
Frank Hoffman erinnert in der Ackerstraße an Paul König.

Mit seiner kurzen Ansprache erinnerte der Landtagsabgeordnete Frank Hoffmann an das Leben des Kommunisten Paul König, der mit einem Stolperstein in der Ackerstraße geehrt wurde. König hatte nach 1933 im Untergrund weiter gegen die Nazis gekämpft und war Verbindungsmann der KPD. 1936 wurde er verhaftet und zunächst zu einer fünfjährigen Zuchthausstrafe verurteilt, später dann in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt und dort ermordet.

Für Günter Donath und die Werkstatt Gedenkkultur steht schion fest, dass das dezentrale Mahnmal in der Stadt weiter wachsen wird: „Auch in den nächsten Jahren wollen wir weitere Stolpersteine verlegen und eine gemeinsame Form der Erinnerung finden.“

Günter Donath (Bildmitte) bei der feierlichen Auftaktveranstaltung  

 
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