„Die hat ja wirklich niemand gesehen“Neonazis aus der Region stoßen mit Kundgebung am 07. März 2012 in Dessau auf marginale Resonanz // Netzwerk GELEBTE DEMOKRATIE setzt mit Mahnwache deutliches Zeichen Die Szenerie wirkt schon irgendwie irritierend. Handgezählte 20 Rechtsextremisten haben sich in den Abendstunden des 07. Märzes 2012 am Dessauer Friedhof III versammelt und sind zu einer vom Dessauer Neonaziaktivisten Alexander Weinert angemeldeten Kundgebung gekommen. Das Datum ist mit Bedacht gewählt. Am 07.03.1945 flogen alliierte Truppen Luftangriffe auf die Stadt. Von der Öffentlichkeit fast völlig unbemerkt, stehen die Nazis mit brennenden Fackeln da und spielen in einer durch und durch grotesken Inszenierung auf der Klaviatur von Geschichtsverfälschung und glorifizieren damit die nationalsozialistischen Verbrechen. Auf ihren Transparenten transportieren die Menschenfeinde von rechts dabei die bekannten Parolen, die für die Selbstvergewisserung in der Szene nach wie vor identitätsstiftend sind. Von „Alliierten Bombenterror“, wahlweise „Alliierten Kriegsverbrechen“ oder der Aufforderung „Kein Vergeben – Kein Vergessen“ ist da die Rede. Das Netzwerk GELEBTE DEMOKRATIE protestiert gegen dieses braune Schmierentheater, keine 200 Meter entfernt – am anderen Ende der Friedhofsmauer. 80 Menschen sind zur Mahnwache LICHTER GEGEN RECHTS gekommen. Und diese Manifestation der demokratischen Bürger_innengesellschaft zeigt sich vielfältig und wohl zugleich ambivalent, zumindest was die die unterschiedlichen Lebensentwürfe, Wertvorstellungen und politischen Verortungen anbelangt. Alternative Jugendlichen stehen neben Senior_innen und einem Leitenden Oberstaatsanwalt, Kommunalpolitiker_innen unterhalten sich angeregt mit Mitgliedern von Kirchengemeinden. Nicht wenige Mahnwacheteilnehmer gehen dann auf den Friedhof um das Gräberfeld zu besuchen, in dem von den Nazis verschleppte Zwangsarbeiter_innen, aber auch Soldaten der Roten Armee, bestattet sind. Zahlreiche Zwangsarbeiter_innen kamen bei Bombenangriffen auf Dessau-Roßlau zu Tode, weil ihnen das Aufsuchen von Schutzräumen von ihren deutschen Bewachern verwehrt wurde. Sie haben in den Fabrikhallen ihr Leben verloren. Schließlich suchen die Protestler_innen die Nähe zu den Nazis, postieren sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die Polizei ist auch hier ganz entspannt, lässt die Aktion in unmittelbarer räumlicher Nähe zu. Es werden Lieder angestimmt, so u. a. der Friedenssong „We shall overcome“. Auch wenn die Text- und Tonsicherheit nicht immer gegeben ist, die jetzt nur noch 17 Rechtsextremisten bekommen es allemal mit. Apropos Nazis , die beweisen in einem unfreiwilligen Anflug von Selbstentlarvung ihre ureigenste historische Realitätsverweigerung. Auf einem Banner wird propagiert: „Der Opfer gedenken – Die Täter beim Namen nennen“. Wie recht sie doch haben. Schließlich war es das nationalsozialistische Deutschland, dass halb Europa in Brand setzte und den Kontinent mit einem Krieg überzog, der mehreren Dutzend Millionen Menschen das Leben kostete. Und während sich die Rechtsextremen um Alexander Weinert vor leerer und dunkler Kulisse, nur unterbrochen durch das Rattern der im Abstand von 10 Minuten vorbeifahrenden Straßenbahnen weiter die Beine in den Bauch stehen, sind die Nazigegner_innen schon auf dem Rückweg in die Innenstadt. Dort findet in der Pauluskirche eine Gedenkveranstaltung statt, in der die Ursachen der Bombardierung klar benannt werden. „Hier draußen hat die doch wirklich niemand gesehen“, sagt eine Teilnehmerin zum Abschluss und betont zugleich, wie wichtig ist es den demokratischen Protest auch am 10. März 2012 auf die Straßen zu tragen. verantwortlich für den Artikel:
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